LUQUINA CHICO: Der Tag in Puno beginnt mit der Nachricht, dass ich auch die vierte Prüfung des dritten Semesters bestanden habe. Wirtschaftsrecht 1,3. Damit habe ich bei drei der vier Prüfungen eine eins vor dem Komma. Bloß gut, dass ich so weit weg bin und nicht dem Unmut meiner Kommilitonen ausgesetzt bin. Die schlechte Nachricht an diesem Morgen ist, dass sich die Straße in einen Fluss verwandelt hat. Das können ja heitere zwei Tage werden, denken wir noch, und schon beginnt die Sonne zu scheinen und von Regen ist keine Spur mehr. In einem Korso aus vier Velotaxis fahren wir bergab zum Hafen von Puno. Auf dem Markt am Pier kaufen wir noch Nudeln, Reis, Müsli, Salz, Öl, Äpfel, Bananen und Buntstifte für die Kommune, bei der wir in der nächsten Nacht Obdach erhalten werden. Lucio, unser Titicaca-Guide, erzählt uns zu Beginn der dreistündigen Fahrt Wissenswertes über den See, der übersetzt so viel heißt wie „Pumafelsen“. Mit 165 km Länge und 60 km Breite ist der Titicacasee größer als der Müggelsee. Sein tiefster Punkt entspricht in etwa der Höhenlage Cuzcos und da war die Luft schon dünn. Unser erstes Ziel ist Taquile Island, wo wir einen Hügel erklimmen und die Aussicht genießen. Ein Schild weist uns darauf hin, dass wir uns 10944 km fern der Heimat befinden. In einem Restaurant hoch über dem Titicacasee genießen wir unser Mittagessen, was hier wahlfrei ist. Da auch Taquile Island von einer Kommune bewirtschaftet wird, haben alle Restaurants das gleiche Angebot zum gleichen Preis. Zwanzig Soles für ein Menü aus eine Suppe, Fisch oder Omelette als Hauptgang und einen Tee. Auf dem Weg zum Boot herunter, das inzwischen auf die andere Seite der Insel umgeparkt hat, beschenken wir die Kinder großzügig mit Glasmurmeln. Auf der kurzen Weiterfahrt erfreut sich die Bordtoilette größter Beliebtheit, da wir noch nicht wissen, was uns heute Abend erwartet. Die Spülung besteht aus einem Wassereimer, an dessen Rand ein Schöpfbecher hängt. Diese Art der Wasserspülung ist Clare gänzlich neu und Sandra erklärt ihr, sie müsse zum Spülen das Wasser aus dem Eimer nehmen. Das versteht sie, die Funktion des Schöpfbechers bleibt ihr jedoch ein Rätsel und in kühnem Schwung leert sie den gesamten Eimer auf einmal. Das Entsetzen in unseren Gesichtern lässt sie ihren Fehler bemerken und sie versucht, diesen wieder gut zu machen, indem sie frisches Wasser aus dem See schöpft und dabei beinahe über Bord geht. Nach der Eimer-Nummer hätten wir das eigentlich ganz gut gefunden. Mit ihrer übertrieben freundlichen Art zu jedem, ihrem gespielten Interesse an allem und ihrer bemerkenswerten Naivität hat sich Clare ohnehin auf Platz 1 unserer Lästerparade katapultiert. Wir setzen unsere Fahrt fort und gehen in Luquina Chico an Land. Mit Pauken und Flöten werden wir durch das Dorf hin zum Sportplatz getrieben. Hier werden wir auf verschiedene Familien der Kommune verteilt, die uns für die nächste Nacht Unterschlupf gewähren. Unsere Gastgeberin heißt Juliana und heißt uns mit „Kamisaraki“ willkommen, ein Wort, dass wir vor etwa einer halben Stunde gelernt haben und seitdem auch exzessiv verwenden. Es heißt in einer der vielen Stammessprachen nichts anderes als „Hallo“. Juliana führt uns in circa fünf Minuten zu ihrem Haus und vertreibt unterwegs zweibellende Hunde mit einem gekonnten Steinwurf. Wir wohnen in einem Zimmer im Obergeschoß, das über eine Art Hühnerleiter zu erreichen ist, die unter dem Gringo-Gewicht verdächtig ächzt. Das Zimmer übersteigt unsere Erwartungen. Es ist geräumig und verfügt über Strom, was keinesfalls selbstverständlich ist. Das Bad, das wir über den Hof erreichen, macht ebenfalls einen guten Eindruck, verfügt jedoch über keinen Wasseranschluss. Das Wasser befindet sich in einer Tonne davor. Zum Zähneputzen haben wir jedoch ausreichend Trinkwasser dabei. Auf eine Dusche müssen wir verzichten. Nach zehn Minuten gehen wir zurück zum Sportplatz, um möglicherweise etwas Fußball zu spielen. Der Platz ist jedoch besetzt und unser Interesse, in 3800 m Höhe auf einem Betonplatz Fußball zu spielen, stößt schnell an Grenzen Somit sitzen wir eben nur bei ein paar Tüten Popcorn zusammen und verschwinden dann wieder mit unseren Gastgebern in unseren Unterkünften. Fiona und Audrey müssen etwas früher los, da ihr Weg etwa dreißig Minuten beansprucht, wogegen sich unsere knapp zehn Minuten vergleichsweise harmlos anhören. Juliana serviert zum Abendessen eine Suppe sowie ein Hauptgericht aus Reis, Kartoffeln und Gemüse. Die Gastgeber wurden gebeten, kein Fleisch zuzubereiten, da unsere Mägen dieses nicht gewöhnt sind. Man muss dazu sagen, dass die hier lebenden Familien keine Kühlschränke besitzen. Nach dem köstlichen Abendmahl putzen uns die Kinder der Familie für die abendliche Fiesta heraus. Diese findet natürlich im Klassenzimmer neben dem Sportplatz statt. Die fünf Röcke stehen Sandra ebenso gut, wie mir der Poncho. Wir verbringen etwa eine Stunde mit unseren Gastfamilien in dem Klassenzimmer mit dem Erlernen einheimischer Karnevalstänze, trinken dazu aber auch ein Cusquena, das Bier aus Cuzco, und laden unsere Gastfamilien auf eine Cola ein. Der Getränkeverkäufer wusste offenbar nicht, dass hier eine irisch-englisch-deutsche Gruppe kommt und muss eilig Nachschub heranholen. Der Abend ist kurz, aber auch kurzweilig, und in der Dunkelheit führt uns der ältere Sohn der Familie in unser Quartier zurück.
Dienstag, 23. Februar 2010
Kamisaraki
LUQUINA CHICO: Der Tag in Puno beginnt mit der Nachricht, dass ich auch die vierte Prüfung des dritten Semesters bestanden habe. Wirtschaftsrecht 1,3. Damit habe ich bei drei der vier Prüfungen eine eins vor dem Komma. Bloß gut, dass ich so weit weg bin und nicht dem Unmut meiner Kommilitonen ausgesetzt bin. Die schlechte Nachricht an diesem Morgen ist, dass sich die Straße in einen Fluss verwandelt hat. Das können ja heitere zwei Tage werden, denken wir noch, und schon beginnt die Sonne zu scheinen und von Regen ist keine Spur mehr. In einem Korso aus vier Velotaxis fahren wir bergab zum Hafen von Puno. Auf dem Markt am Pier kaufen wir noch Nudeln, Reis, Müsli, Salz, Öl, Äpfel, Bananen und Buntstifte für die Kommune, bei der wir in der nächsten Nacht Obdach erhalten werden. Lucio, unser Titicaca-Guide, erzählt uns zu Beginn der dreistündigen Fahrt Wissenswertes über den See, der übersetzt so viel heißt wie „Pumafelsen“. Mit 165 km Länge und 60 km Breite ist der Titicacasee größer als der Müggelsee. Sein tiefster Punkt entspricht in etwa der Höhenlage Cuzcos und da war die Luft schon dünn. Unser erstes Ziel ist Taquile Island, wo wir einen Hügel erklimmen und die Aussicht genießen. Ein Schild weist uns darauf hin, dass wir uns 10944 km fern der Heimat befinden. In einem Restaurant hoch über dem Titicacasee genießen wir unser Mittagessen, was hier wahlfrei ist. Da auch Taquile Island von einer Kommune bewirtschaftet wird, haben alle Restaurants das gleiche Angebot zum gleichen Preis. Zwanzig Soles für ein Menü aus eine Suppe, Fisch oder Omelette als Hauptgang und einen Tee. Auf dem Weg zum Boot herunter, das inzwischen auf die andere Seite der Insel umgeparkt hat, beschenken wir die Kinder großzügig mit Glasmurmeln. Auf der kurzen Weiterfahrt erfreut sich die Bordtoilette größter Beliebtheit, da wir noch nicht wissen, was uns heute Abend erwartet. Die Spülung besteht aus einem Wassereimer, an dessen Rand ein Schöpfbecher hängt. Diese Art der Wasserspülung ist Clare gänzlich neu und Sandra erklärt ihr, sie müsse zum Spülen das Wasser aus dem Eimer nehmen. Das versteht sie, die Funktion des Schöpfbechers bleibt ihr jedoch ein Rätsel und in kühnem Schwung leert sie den gesamten Eimer auf einmal. Das Entsetzen in unseren Gesichtern lässt sie ihren Fehler bemerken und sie versucht, diesen wieder gut zu machen, indem sie frisches Wasser aus dem See schöpft und dabei beinahe über Bord geht. Nach der Eimer-Nummer hätten wir das eigentlich ganz gut gefunden. Mit ihrer übertrieben freundlichen Art zu jedem, ihrem gespielten Interesse an allem und ihrer bemerkenswerten Naivität hat sich Clare ohnehin auf Platz 1 unserer Lästerparade katapultiert. Wir setzen unsere Fahrt fort und gehen in Luquina Chico an Land. Mit Pauken und Flöten werden wir durch das Dorf hin zum Sportplatz getrieben. Hier werden wir auf verschiedene Familien der Kommune verteilt, die uns für die nächste Nacht Unterschlupf gewähren. Unsere Gastgeberin heißt Juliana und heißt uns mit „Kamisaraki“ willkommen, ein Wort, dass wir vor etwa einer halben Stunde gelernt haben und seitdem auch exzessiv verwenden. Es heißt in einer der vielen Stammessprachen nichts anderes als „Hallo“. Juliana führt uns in circa fünf Minuten zu ihrem Haus und vertreibt unterwegs zweibellende Hunde mit einem gekonnten Steinwurf. Wir wohnen in einem Zimmer im Obergeschoß, das über eine Art Hühnerleiter zu erreichen ist, die unter dem Gringo-Gewicht verdächtig ächzt. Das Zimmer übersteigt unsere Erwartungen. Es ist geräumig und verfügt über Strom, was keinesfalls selbstverständlich ist. Das Bad, das wir über den Hof erreichen, macht ebenfalls einen guten Eindruck, verfügt jedoch über keinen Wasseranschluss. Das Wasser befindet sich in einer Tonne davor. Zum Zähneputzen haben wir jedoch ausreichend Trinkwasser dabei. Auf eine Dusche müssen wir verzichten. Nach zehn Minuten gehen wir zurück zum Sportplatz, um möglicherweise etwas Fußball zu spielen. Der Platz ist jedoch besetzt und unser Interesse, in 3800 m Höhe auf einem Betonplatz Fußball zu spielen, stößt schnell an Grenzen Somit sitzen wir eben nur bei ein paar Tüten Popcorn zusammen und verschwinden dann wieder mit unseren Gastgebern in unseren Unterkünften. Fiona und Audrey müssen etwas früher los, da ihr Weg etwa dreißig Minuten beansprucht, wogegen sich unsere knapp zehn Minuten vergleichsweise harmlos anhören. Juliana serviert zum Abendessen eine Suppe sowie ein Hauptgericht aus Reis, Kartoffeln und Gemüse. Die Gastgeber wurden gebeten, kein Fleisch zuzubereiten, da unsere Mägen dieses nicht gewöhnt sind. Man muss dazu sagen, dass die hier lebenden Familien keine Kühlschränke besitzen. Nach dem köstlichen Abendmahl putzen uns die Kinder der Familie für die abendliche Fiesta heraus. Diese findet natürlich im Klassenzimmer neben dem Sportplatz statt. Die fünf Röcke stehen Sandra ebenso gut, wie mir der Poncho. Wir verbringen etwa eine Stunde mit unseren Gastfamilien in dem Klassenzimmer mit dem Erlernen einheimischer Karnevalstänze, trinken dazu aber auch ein Cusquena, das Bier aus Cuzco, und laden unsere Gastfamilien auf eine Cola ein. Der Getränkeverkäufer wusste offenbar nicht, dass hier eine irisch-englisch-deutsche Gruppe kommt und muss eilig Nachschub heranholen. Der Abend ist kurz, aber auch kurzweilig, und in der Dunkelheit führt uns der ältere Sohn der Familie in unser Quartier zurück.
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