Samstag, 3. April 2010

Oh, wow!















TORRES DEL PAINE: Die Nacht im Zelt war kalt und wir genießen den Kaffee zum Frühstück. Unsere Crew zaubert uns hier draußen sogar ein Rührei. Die viel gepriesene Funktionsunterwäsche von Tchibo hab ich mir zwar nicht mehr besorgt, aber meine lange Unterhose wurde nun eingeweiht und auch Sandra bereut die Investition in eine Strumpfhose vom Vortag nicht. Fernando fährt uns zunächst zum Mirador del Nordenskjold, von wo aus wir den Blick über gleichnamigen See genießen, und dann weiter zum Salto Grande. In der Nähe legt um 12 Uhr mittags unsere Fähre ab und wir überbrücken die Zeit bis dahin mit einer kleinen Wanderung zum Mirador Cuernos am Nordenskjold. Die Fähre fährt nur einmal täglich und wir erreichen sie mit ausreichend Zeitpolster. Die Fahrt über den Lago Pehoé dauert dreißig Minuten und führt uns zum Camp Paine Grande. Wir halten uns aber nicht lange dort auf, sondern starten zu einer weiteren Wanderung zum Campamento Italiano, um den Lago Sarmiento herum. An jeder Ecke würdigt einer unser angelsächsischen Begleiter, meistens Jenny, den neuen Ausblick mit einem „Oh, wow!“ und auch Sandra gewöhnt sich diese Begeisterung allmählich an. An den Anblick der kreisenden Kondore haben wir uns inzwischen gewöhnt. Die sind uns kein „Wow!“ mehr wert. Wir sind inzwischen eine wahre Rasselbande geworden. Jenny läuft grundsätzlich ihr eigenes Tempo, hält aber weiterhin tapfer mit. Für uns andere hat es immer wieder etwas von einem Wandertag. An jedem Gebirgssee, und ist er auch noch so klein, treten wir erneut zum Wettstreit an, wessen Stein öfter auf dem See hüpft und wer es als erster auf die andere Seite schafft. Auch heute legen wir etwa 18 km zurück, aber das Terrain ist weitaus einfacher als gestern. Irgendwie verleitet uns das automatisch zu einer Tempoverschärfung. Am Ende joggen wir eher, als dass wir wandern. Trotzdem erreichen wir das Camp erst kurz vor Einbruch der Dunkelheit. Für die Verpflegung sorgt hier die Camp-Crew und wir machen es uns im gut aufgeheizten Raum bei Bier und Wein und einem üppigen Abendmahl am Kamin gemütlich. Chad übernimmt heute die Rolle des Jennyzuhörers, wofür ihm unser ganzes Mitgefühl gilt. Amerikaner neigen ja im Allgemeinen schon zu Übertreibungen, aber Jenny ganz besonders. Wir hören nur, wie sie von ihrer Galapagosreise erzählt, von den Millionen von Seelöwen und den Iguanas, die direkt neben ihr geschwommen sind. Nun sind wir ja alle auch schon etwas unterwegs gewesen. Fiona hat zum Beispiel ein Volontariat auf den Galapagosinseln hinter sich. Daher wissen wir, dass die Population der Seelöwen dort etwa bei 50.000 liegt und das letzte, was ein Iguana tut, schwimmen ist, insbesondere in Jenny`s Nähe. Shirley erntet unsere fassungslosen Blicke, als sie uns erzählt, was Jenny beruflich macht. Sie ist Psychotherapeutin für Kinder. Ob die bei ihr zu Wort kommen? Wir gewinnen in der kommenden Nacht eine Stunde, denn hier werden die Uhren auf Winterzeit umgestellt. Nachdem in Deutschland inzwischen Sommerzeit eingekehrt ist, beträgt der Zeitunterschied nunmehr sechs Stunden. Ich stehe nach dem Zähneputzen vor unserem Zelt und leuchte mit meiner Stirnlampe in den Eingang, in dem Sandra noch sitzt. Da sehe ich, wie hinter ihrem Rücken eine Maus aus unserem Zelt kriecht. Marcella hatte uns vorgewarnt und wir haben extra unsere Lebensmittel zusammengetragen und in unserem Essensraum eingeschlossen. Aber Sandra hatte ihre Trockenfrüchte und Nüsse, unsere Energiespender während der Wanderungen, im Zelt vergessen. Möglicherweise hat das den Nager angelockt. Nachdem Sandra die Contenance wiedererlangt und ihre restlichen Lebensmittel weggeschlossen hat, schütteln wir noch einmal alles kräftig aus und versuchen, nicht mehr dran zu denken.

Freitag, 2. April 2010

Die blauen Türme






TORRES DEL PAINE: Die Fahrt von Puerto Natales zum Eingang des Torres Del Paine Nationalparks dauert noch einmal drei Stunden. Begleitet werden wir neben Cem von unserem Fahrer Fernando und der argentinischen Fremdenführerin Marcella. Die allgegenwärtigen Guanacos, die patagonische Version der Lamas, säumen unseren Weg. Auch ein paar Flamingos mischen sich dazwischen. Sandra entdeckt sogar ein Gürteltier, vergisst aber vor lauter Aufregung, Fernando zu bremsen. In der Nähe der argentinischen Grenze warnen Schilder vor Minen beiderseits der Straße. In den 70er Jahren, als Chile und Argentinien noch von Militärjuntas regiert wurden, standen beide Länder kurz vor einem Krieg um drei kleine Inseln am Beagle Channel. Auf Vermittlung des Papstes wurden diese schlussendlich Chile zugesprochen und der Krieg wurde verhindert. Die Minen werden wohl für immer dort liegen bleiben, sofern sie nicht von einem Tier kontrolliert zerstört werden. Fernando manövriert uns über eine Brücke, die so eng ist, dass wir unsere Rückspiegel einklappen müssen. Wir befahren den Park nahe der Lagune Amarga, passieren den Lago Sarmiento und erreichen schließlich die Hosteria Las Torres. Von hier aus geht es zu Fuß weiter. An einem lauschigen Fleckchen Erde machen wir Rast und uns über unsere Lunchpakete her. Die Bulette entpuppt sich zwar spätestens beim Reinbeißen als eine Art Keks, aber alles ist liebevoll zubereitet und zusammengestellt und es macht uns satt. Ein paar vereinzelte Schneeflocken machen uns nervös, aber das Wetter bleibt auf unserer Seite und die Regenhosen in unseren Rucksäcken. Vorbei am Campamento Chileno und Campamento Torres zum „Mirador Las Torres“ auf 886 m Höhe, von wo aus wir bei strahlendem Sonnenschein, aber empfindlicher Kälte, den Ausblick auf den Torres Gletscher genießen. Vor allem aber auf die Felsen, die dem Park seinen Namen gaben. Torres del Paine heißt so viel wie „blaue Türme“. Wieso nun ausgerechnet blau, ist nicht zu erkennen, aber die Bezeichnung „Türme“ ist schon zutreffend, wenn man ehrfürchtig vor den Riesenfelsen steht. Der Rückweg führt uns wieder auf dem gleichen Weg über 9 km hinunter auf 135 m Höhe, von wo aus uns Fernando zu unserem Camp fährt, was sich knapp außerhalb des Nationalparks befindet. Chad nimmt überrascht seinen Rucksack entgegen, während wir anderen mit kleinem Gepäck reisen und die großen Taschen im Hostal Makita zurückgelassen haben. Das hatte er eigentlich auch vor, aber irgendwer hat im Übereifer seinen Rucksack mit eingepackt. Wenn wir schon keinen der hier lebenden Pumas gesehen haben, riechen wir doch wenigstens nach Pumakäfig. Die warme Dusche kommt uns daher sehr gelegen. Beim gemeinsamen Abendesse an einem großen dreieckigen Tisch in einer gemütlichen Holzlaube mit Kamin und beim anschließenden Marshmellowgrillen draußen am Lagerfeuer lauschen wir gebannt Jenny`s Erzählungen aus ihrem langen Leben. Unter anderem besteht sie darauf, dass der Kilimandscharo über 6000 m hoch ist, wozu mir andere Informationen vorliegen. Man muss ihr natürlich zugute halten, dass ihr das metrische System fremd ist und die Umrechnung von Fuß in Meter schwer fällt.

Donnerstag, 1. April 2010

Don`t cry for us, Argentina!





PUERTO NATALES: Heute verlassen wir Argentinien. Aber kein Grund zur Traurigkeit. Wir kommen nochmal wieder. Beim Frühstück hat uns Kerry die neuste Jenny-Story zu erzählen. Die ärmste hat sie als Mitbewohnerin erwischt. Gestern Abend war Jenny nicht dabei, da das Essen ja Geld gekostet hätte. Gleiches gilt auch für das Frühstück, womit sich ungeniert über sie lästern lässt. Als Kerry gestern Abend ins Zimmer kam, roch es penetrant nach gebratenem Fleisch. Kerry hatte aber keine Reste mitgenommen. Jenny erklärt ihr, dass sie sich Empanadas im Supermarkt gekauft hat, da sie kein Restaurant gefunden habe. Nun mag es ja in El Chaltén nicht alles geben, aber zwischen den ganzen Restaurants den Supermarkt zu finden, ist schon schwer. In Taxis fahren wir zum Busbahnhof und besteigen dort den Linienbus nach Puerto Natales. Der Bus von COOTRA Ltda. Ist modern und bequem. So lassen sich die vier Stunden bis zur Grenze nach Chile und die weiteren 24 km bis Puerto Natales schon aushalten. Wir beziehen Quartier im Hostal Makita an der Plaza 1°de Mayo. Ein einfaches, sauberes und familiär wirkendes Haus. Wir wollen uns noch ein wenig die Stadt ansehen und fragen an der Rezeption nach einem Stadtplan. Jenny hat gerade die gleiche Frage und die Empfangsdame fragt, ob wir zusammen gehen und uns nicht einen Plan teilen wollen. Wie aus einem Mund schlägt ihr ein „No!“ entgegen. Die Stadt ist schnell erkundet. Das bisschen Leben konzentriert sich auf die Straßen Manuel Bulnes und Herman Eberhard. Wir leihen uns für die kommenden drei Tage Regenhosen aus, da wir die kommenden drei Tage im Freien verbringen werden und das einzig Verlässliche am patagonischen Wetter die Wechselhaftigkeit ist. Noch eine Portion Pasta in der Pizzeria und ein wenig Proviant im Supermarkt gekauft und wir sind bereit für den Rückweg zum Hotel, wo wir in Ruhe den Abend verbringen.

Mittwoch, 31. März 2010

two-thirty















EL CALAFATE: Nach langer Zeit hatten wir mal wieder Rührei zum Frühstück. Üblich ist in ganz Südamerika sonst nur Toast und Erdbeermarmelade, manchmal auch Dulce de Leche, eine Nussnugatcreme. Um halb neun holt und Mariano ab und hat neben seinen Eltern auch Cecilia an Bord, eine Führerin des Los Glaciares Nationalparks. Ihr Aufgabe besteht hauptsächlich darin, uns gefühlte 22 mal zu sagen, dass wir uns nach der Besichtigung des Perito Moreno Gletschers um 14:30 Uhr wieder am Bus treffen. Sie beginnt schon, uns mit der ständigen Wiederholung "two-thirty" zu nerven und auch Chad kann sich nicht verkneifen, uns zum Spaß zuzuflüstern „What time?“ Cecilia lernt seit einem Jahr Deutsch, aber viel ist noch nicht hängen geblieben. Am Gletscher gibt es die Möglichkeit, ihn mit dem Boot von der Seeseite aus zu betrachten. Wir entscheiden uns aber dagegen, da wir dieses Vergnügen ja schon am Viedma Gletscher hatten. Die meisten nehmen die Möglichkeit aber wahr. Im Bus bleiben nur Jenny, Chad und wir beide zurück, um direkt zu den Balkonen gegenüber dem Gletscher zu fahren. Die stets klamme, wie mitteilungsbedürftige, Jenny erläutert mal wieder ungefragt ihre, natürlich rein non-monetären, Motive, warum sie sich gegen die Bootsfahrt entschieden hat und berichtet von früheren Gletscherfahrten. Natürlich versucht jeder, dem Gespräch auszuweichen. Und was tut man da als erwachsener Mensch? Man stellt sich schlafend. Die Einsicht kommt mir leider zu spät und während sich Chad hinter meiner Rückenlehne verkriecht und Sandra aus dem Fenster starrt, ist es meine unangenehme Aufgabe, auf Jenny einzugehen. Ich höre Chad noch murmeln, dass er schon seine Entscheidung überdenkt und entwaffne Jenny, indem ich sie darauf hinweise, dass wir eine solche Bootsfahrt am Vortag unternommen haben, was ihr wohl irgendwie entgangen sein muss. Bei den Balkonen angekommen geht die Flucht vor Jenny weiter. Sie führt uns drei andere direkt auf die Toiletten. Während Chad anschließend die Treppen hinauf rennt, um sie abzuschütteln, suchen wir uns eine dunkle Ecke in der Caféteria. Wir leisten uns einen Kaffee und Sandra begeht den Fauxpas, am Tisch ihren Rucksack zu öffnen. Sofort eilt eine aufmerksame Angestellte herbei, um uns mit ernster Mine einen Zettel unter die Nase zu halten, auf dem in allen Sprachen der Welt ein Verbot zum Verzehr mitgebrachter Lebensmittel steht. Wir fragen sie zwar mehrfach, worauf sie sich bezieht und ob sie irgendwo auf unserem Tisch Lebensmittel erkennen kann, doch sie ist sich sicher, hier gerade ein schweres Vergehen vereitelt zu haben. Die Wanderwege und Balkone gegenüber dem Gletscher sind gut ausgebaut und werden derzeit noch erweitert. Der Perito Moreno ist nicht der größte Gletscher, aber sehr aktiv. Er bewegt sich täglich um zwei Meter nach vorn. Im Unterschied zu den meisten anderen Gletschern wird er aber nicht kleiner, sondern bleibt in seiner Größe konstant. Das macht ihn so außergewöhnlich und berühmt. Immer wieder krachen Eisbrocken in Wasser. Bei jedem Knacken zücken wir die Kamera. An einer Stelle haben wir einen sehr guten Blick, sind aber kurz davor, weiterzulaufen, da rutscht ein riesiges Stück Eis unter lautem Getöse ins Wasser und wir erwischen dieses Schauspiel perfekt. Unsere Freunde erblassen schon ein wenig vor Neid, als wir ihnen die Bilder zeigen, die ihnen auf dem Boot entgangen sind. Da wir die Uhrzeit 14:30 Uhr dank Cecilia wohl nie vergessen könnten, finden wir uns pünktlich wieder am Bus zusammen und treten die Fahrt zurück nach El Calafate an. Nachmittags schlendern wir noch ein wenig durch die Stadt, genießen ein Eis in der Sonne und erledigen ein paar Einkäufe. Der ganze Kontinent leidet scheinbar unter Wechselgeldmangel. Selbst im Supermarkt kann man mir keine 1,50 Pesos rausgeben und rundet großzügig auf 2 Pesos auf. Man sieht das mit dem Rechnungsbetrag in Südamerika generell nicht so eng. Ein paar Cent aufzurunden, meistens zu Ungunsten des Kunden, ist hier üblich. Abends zeigt uns Cem ein Restaurant, in dem man nach seiner Aussage gut Fleisch essen kann. Es war zugegeben sehr viel, aber die Qualität hat darunter sehr gelitten. Zur Verdauung treten wir mehrheitlich den Rückweg zu Fuß an. Vor dem Hotel treiben sich wieder zwei Pferde rum, die aber von zwei Hunden vertrieben werden.

Dienstag, 30. März 2010

Auf dickem Eis






EL CALAFATE: Wir können heute bis 8 Uhr schlafen und werden vom neuen Tag mit Regen begrüßt. Wir haben uns entschlossen, den Tag mit einer Gletscherwanderung zu begehen. Nach dem Hotelfrühstück vom Vortag, gönnen wir uns heute eines in einem Café. Um 11 Uhr brechen wir zusammen mit Kristina und Heather im Kleinbus zu einer kurzen Fahrt auf. Am Lago Viedma wechseln wir auf ein Boot, um zum Viedma Gletscher zu fahren. Nach etwas mehr als einer Stunde Fahrt vorbei an Eisschollen und immer den Titanic-Soundtrack im Ohr wechseln wir auf das Dach unseres Bootes, um den Gletscher in voller Pracht zu bewundern. Wie jeder Gletscher ist auch dieser in Bewegung, aber dvon sieht man leider nichts. Wir fahren einige Minuten weiter zu einer Anlegestelle, wo uns Fernando, Tato, Lolo und der Rest der Gletscherführer in Empfang nehmen. Über einen Felsen gelangen wir zum Rand des Gletschers, wo wir zunächst unsere Steigeisen anlegen, denn ohne die kann es auf einem Gletscher naturgemäß rutschig werden. Wir wandern über weißes, teilweise blaues und immer etwas dreckig wirkendes Eis und erfahren von Tato viel Interessantes über die Eismassen unter unseren Füßen. Bevor wir die letzten Meter in Angriff nehmen verteilt Fernando Becher mit Gletschereis und kurz bevor wir beginnen, daran zu lutschen, gießen die Jungs unsere Becher mit Bailey´s auf. Etwas dekadent, man könnte auch sagen stilvoll. Auf jeden Fall der krönende Abschluss einer interessanten und ausnahmsweise mal nicht sehr anstrengenden Wanderung. Zurück im Hotel werden wir schon von Mariano und seinen Eltern im Kleinbus erwartet. Wir machen uns auf die dreistündige Fahrt nach El Calafate, das wir nach Einbruch der Dunkelheit erreichen. Wir wohnen in der Hosteria Cauquenes, etwas außerhalb und ganz in der Nähe des Wochenendhauses der argentinischen Präsidentin Cristina Kirchner. Das Haus ist für eine Präsidentin vergleichsweise bescheiden und wird vom örtlichen Casino mehrmals in den Schatten gestellt. Die Stadt ist deutlich größer als El Chaltén, lebt aber offensichtlich auch vom Tourismus. Wir gehen noch etwas essen und sehen ein, dass man hier tatsächlich andere Essenszeiten bevorzugt, denn das Restaurant ist um 22 Uhr gut besucht. Als wir wieder beim Hotel ankommen steht wie selbstverständlich ein Pferd auf dem kleinen Rasenstück vor dem Haus.

Montag, 29. März 2010

Doppeltes Bergfest















EL CHALTÉN: Als der Hahn kräht, sind wir schon seit drei Stunden wach. Das mag zum einen daran liegen, dass der Hahn ziemlich spät dran ist, zum anderen aber auch daran, dass uns der Wecker um sechs Uhr aus den Träumen gerissen hat. Wir haben nämlich beschlossen, den Sonnenaufgang am Mount Fitzroy zu beobachten. In Eiseskälte erklimmen wir einen Hügel und verharren, werden aber für diese Strapazen nicht recht belohnt. Einen spektakulären roten Sonnenaufgang bekommen wir leider nicht geboten. Auf dem Rückweg machen wir in einer kleinen Bäckerei halt, um unseren gestern erworbenen Proviant mit etwas Brot zu komplettieren. Ich habe heute Bergfest im doppelten Sinne. Im eigentlichen Sinne, denn hinter wie vor mir liegen 57 Tage meiner Reise, bevor ich mal wieder für anderthalb Monate nach Berlin zurück komme. Im doppelten Sinne aber auch, da wir heute mal wieder einen Gipfel zu erklimmen haben. Zwar sind wir nicht Bergsteiger genug, um den Mount Fitzroy zu besteigen, aber der Weg zu einem Bergsee unterhalb des Gipfels ist beschwerlich genug und kostet uns mit dem Rückweg zehn Stunden. Immer wieder bieten sich uns imposante Blicke auf den Riesenfelsen, denn das Wetter ist klar, die Sonne scheint und es bleibt trocken. Letzte Woche hat es hier noch geregnet. Nach all dem Pech auf dieser Reise scheint uns nun das Glück eingeholt zu haben. Unser Bergführer Luis zeigt uns die Stelle, an der die Bergsteiger ihr Biwak errichten, bevor sie den Gipfel stürmen, was er schon mehrmals getan hat. Jenny schaut ungläubig nach oben und fragt, ob die Kletterer denn ihren Proviant in Rucksäcken mitnehmen würden. Erstaunt („Really???“) nimmt sie zur Kenntnis, dass dem wohl so sei und es dort oben keine Einkaufsmöglichkeiten gäbe. Die letzte Stunde ist die härteste, denn es geht steil bergauf über Geröll und ohne den Schatten der Bäume, denn wir haben die Baumgrenze hinter uns gelassen. Aber wir schaffen es und werden mit einem weiteren fantastischen Ausblick belohnt. Wie auf Bestellung überfliegt uns ein Kondor mit seiten gewaltigen Schwingen in geringer Höhe. Deutlich später kommt Jenny auf dem Gipfel an. Aber sie hat sich tapfer durchgebissen und genießt dafür unseren größten Respekt. Zwei Minuten später allerdings teilt sie sich uns wieder ungefragt und ohne Punkt und Komma mit und wir sind ganz froh, dass wir auch den Rückweg in unterschiedlichen Geschwindigkeiten bestreiten werden. Wir nutzen die Zeit zur Rast und für diverse Fotos. Am See finden wir eine Bergquelle, wo wir unsere Wasserflaschen auffüllen können. Der Rückweg hat es auch in sich, aber nach fast exakt zehn Stunden haben wir El Chaltén wieder erreicht. Ich decke mich noch mit Wasser für den nächsten Tag ein, während Sandra testet, ob das Internet im Café genauso langsam ist, wie im Hotel. Sie kann es nur bestätigen. Der Grund dafür ist angeblich, dass die Verbindung hierher nur über Satelliten besteht.

Sonntag, 28. März 2010

Ab in den Süden



















EL CHALTÉN: Nicht überraschend, aber ungern, verlassen wir Buenos Aires vorerst vom Flughafen „Jorge Newberry“. Unser Ziel heißt Patagonien. Der Check-In verläuft schnell und gut organisiert. Um die 15 kg Freigepäck nicht zu knacken, habe ich eine kleine Tasche mit den Dingen, für die ich in Patagonien keine Verwendung finden werde, im Hotel zurück gelassen, in das wir hoffentlich in zwei Wochen zurückkehren werden. Meine Badehose zum Beispiel, denn in den Süden zu reisen, heißt hier paradoxerweise nicht, ins Warme. Mir gelingt eine Punktlandung auf 15 kg, doch auch Chad bleibt trotz seiner 23 kg unbehelligt. Die Schlange an der Sicherheitsschleuse ist endlos, doch wir entdecken zum Glück eine kürzere Schlange, die sich hinter der langen versteckt hat und erreichen unser Gate ohne in Hektik verfallen zu müssen. Die Maschine der Austral, einer Tochterairline von Aerolineas Argentinas, steht auf eine Außenposition. Zusammen mit Heather Mills aus Boston warten wir auf den zweiten Bus, während der Rest unserer Gruppe vorfährt. Nach fünf Minuten Warten erzählt der Busfahrer etwas auf Spanisch, von dem wir nichts verstehen. Es scheint aber irgendwie unseren Flug zu betreffen, denn die Busfahrgemeinschaft setzt sich in Bewegung zurück ins Terminal. Etwas später kommen auch die anderen zurück, die unser Flugzeug auch noch nicht von innen gesehen haben, dafür aber eine Runde über den Flughafen gedreht haben. Wir erfahren, dass an der Maschine noch ein Reifen gewechselt werden muss und wir von dreißig Minuten Verspätung ausgehen sollten. Nach unseren bisherigen Erfahrungen auf dieser Reise ist das kaum erwähnenswert, zumal es tatsächlich bei dieser Verspätung bleibt. Kerry Crompton aus Irland bietet mir freundlicherweise den Platz neben Sandra an, den ich dankend annehme, bleibt mir doch somit der Platz neben Jennifer Pappa aus New Jersey erspart. Sie ist schon etwas reifer und sehr anstrengend. Egal, was jemand erzählt, sie weiß es zu überbieten. Und sie scheint zu dieser Reise verurteilt worden zu sein, denn die Nörgeleien über alles, was nicht wie zu Hause läuft und über die bevorstehenden körperlichen Strapazen nehmen kein Ende. Wir nennen sie schon liebevoll „Jenny“, auch wenn ihr der Name gar nicht steht. Stattdessen sitzt nun neben mir die eher introvertierte Kristina Ahlgren, eine Lehrerin aus Schweden. Neben den bereits genannten gehören zu unserer Gruppe noch Chadi Akouri aus Sydney, neben mir der einzige Mann, Shirley Lin, Kalifornierin malaysischer Abstammung, und Fiona Beggs aus Schottland. Wir fliegen zunächst 3:40 Stunden nach Ushuaia, die südlichste Stadt der Welt. Dort werden der Großteil der Passagiere und die Crew ausgetauscht und die Reise geht weiter nach El Calafate. Dort nimmt uns unser GAP-Tour-Guide Cem in Empfang. Im Kleinbus sind wir noch einmal circa drei Stunden unterwegs. Unser Busfahrer Mariano reist heute in Begleitung seiner Eltern, die die Fahrt und unsere Bekanntschaft auch sichtlich genießen. Das macht ihn irgendwie liebenswürdig. Bei einem Zwischenstopp in einem Restaurant Leona am Lago Viedma erfahren wir, wie man sich die Zeit vertreibt, wenn man hier draußen im nirgends auf Kundschaft wartet. An der Decke hängt eine Strippe mit einem Ring und an der Wand befindet sich ein Haken. Aufgabe ist es nun, den Ring so schwingen zu lassen, dass er auf dem Haken landet. Hier draußen greift man eben nach jedem Strohhalm, der nach Entertainment aussieht. Wir erreichen gegen 19 Uhr El Chaltén, wo wir für zwei Nächte bleiben werden. Der Ort kommt in Sandras Reiseführer zu Recht nicht besonders gut weg. Die Stadt ist ausschließlich für Touristen errichtet worden, hat kein richtiges Zentrum, sondern fast nur Hotels und Restaurants. Wir beziehen unser Zimmer in der Hosteria Fitzroy Inn, nicht nobel, aber sauber und ansprechend, und verabreden uns für 20 Uhr zum Abendessen. Bevor wir gehen, fallen wir noch über den Supermarkt her. Bei uns würde man das zwar nicht gleich „Supermarkt“ nennen, aber wir finden, was wir brauchen: Wasser, Obst, Kekse und etwas Käse. Wir staunen schon etwas über das Angebot, während Jenny nur darüber staunt, dass der Laden schon um 21 Uhr schließt. Beim Abendessen lauschen wir ihren philosophischen Ansätzen über die Weltwirtschaftskrise und bemühen uns, nie den Mund leer zu haben und eventuell antworten zu müssen. Ich entscheide mich für einen Topf Lokro, das als argentinische Spezialität angepriesen wird. Es ist eine Art patagonisches Resteessen, ein deftiger Eintopf mit allem, was so übrig war. Sehr lecker und sättigend. Bei Sandra gibt es einen großen Salat und eine Empanada, eine gefüllte Teigtasche.