Montag, 10. Mai 2010

Die Rolex-Metropole



















HONGKONG: Um 3 Uhr morgens werde ich unsanft aus dem Bett gerissen. Um 6 Uhr startet mein United Airlines-Flug nach Hongkong. Der Flug ist offensichtlich gut gebucht. Die zwei Stunden vergehen schnell, aber ich verliere wieder mal eine Stunde. Bei der Taxiwahl muss ich auf die Farbe achten, da nur die städtischen, roten Taxis in die Innenstadt fahren dürfen. Ich muss zur "Chunking Mansion" in der Nathan Road, der Pulsader von Kowloon. Meine Pension, das "Tai Wan Hostel" befindet sich in der dritten Etage. Der Weg dahin ist ranzig, aber ich bin hier mal wieder mitten im Leben. Ich bin etwas früh dran und mein Zimmer noch nicht frei. Also werfe ich den Rucksack ab und nutze die Zeit für einen Mittagssnack, da es ohnehin zu regnen begonnen hat. Um halb zwölf bin ich der erste Gast im T.G.I. Friday's. Das gibt dem Chefkellner Gelegenheit, mich ausführlich bei der Zusammenstellung meines Programms der nächsten Tage zu unterstützen. Viel Zeit bleibt mir nämlich nicht für Hongkong, denn der nächste Flug ist bereits für Donnerstag gebucht. Einer Empfehlung folge ich umgehend, da es immer noch regnet. "Harbour City" trägt den Namen zu Recht. Eine Stadtrundfahrt würde sich hier schon lohnen. Das "ALEXA" zum Quadrat, ein ICC rangeklebt und ein Estrel Hotel oben drauf, so kann man es sich vorstellen. Von Luxus bis Ramsch wird hier jedes Segment bedient. Und es gibt einen direkten Zugang zum Kreuzfrahrtterminal, damit die Kreuzfahrer, wenn sie schonmal in der Stadt sind, nicht auch noch auf die Straße müssen. Wenn man sich hier neue Turnschuhe kauft, steht einem zum Testen kein Laufband, sondern ein Basketballfeld zur Verfügung. Um ein Uhr nachmittags ist dann auch mein Zimmer frei. Es ist winzig, aber für hiesige Verhältnisse billig und sauber. Es ist auch erstaunlich, was man in einer solchen Kammer alles unterbringen kann. Das Bett reicht von Wand zu Wand, ist ziemlich breit, aber nicht ganz so lang wie ich. Also mache ich mich schonmal mit der Embryonalstellung vertraut. Daneben ist ein Streifen von knapp einem Meter zum Leben vorgesehen. Dort muss ich allerdings auch meine Sachen unterbringen, denn für einen Schrank war nun wirklich kein Platz mehr. Und daneben ist noch eine kleine Nische von etwa einem Quadratmeter, die als Duschklo ausgebaut wurde. Das Warmwasser muss man zehn Minuten vorher auf dem Gang anschalten. Aber diese Umstände haben auch ihr Gutes. Wenn ich nachts auf's Klo muss, muss ich nicht extra aufstehen. Und meine Stunden in Hongkong sind ja gezählt. Ich gerate so auch nicht in Versuchung, die knappe Zeit auf dem Zimmer zu vertrödeln. Ich erkunde zunächst einmal die Südspitze Kowloons. Die Stadt hat einen eigenen "Walk of Fame", der hier "Avenue of Stars" heißt. Hier haben sich namhafte Filmgrößen, wie Kwan Tak Hing, verewigt. Den größten von ihnen wurden Denkmäler gebaut. Neben Jackie Chan und Bruce Lee stehen hier aber auch zwei der Berliner Buddybären. Anschließend laufe ich die Nathan Road in Richtung Norden. Als Tourist erlebt man einen wahren Spießrutenlauf. Es gibt hier die wahrscheinlich weltweit größte Dichte an Rolexverkäufern, von denen die wenigsten ein eigenes Geschäft besitzen. Dazu diverse Massagesalons mit etwas aufdringlichen "Masseusen" davor. Den Abend verbringe ich überraschend mit Mary, gebürtige Bosnierin, die seit zehn Jahren in Perth lebt und gerade ihren achtwöchigen Urlaub hier und in Schanghai verbringt. Sie sitzt im "Murphy's", einem irish Pub um die Ecke und nachdem ich zweimal auf ihren Laptop aufpassen sollte, setze ich mich der Einfachheit halber zu ihr. Sie erzählt, sie würde gern Bier trinken, aber das hatte ich bereits erraten. Sie hat sich schon einen guten Vorsprung herausgearbeitet, was die Konversation etwas anstrengend macht. Zurück auf meinem Zimmer und in meine Schlafnische eingekuschelt befällt mich ein merkwürdiger Juckreiz. Aber den bilde ich mir wohl nur ein, weil hier eben alles etwas alt und schmuddelig wirkt.

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