Samstag, 3. April 2010

Oh, wow!















TORRES DEL PAINE: Die Nacht im Zelt war kalt und wir genießen den Kaffee zum Frühstück. Unsere Crew zaubert uns hier draußen sogar ein Rührei. Die viel gepriesene Funktionsunterwäsche von Tchibo hab ich mir zwar nicht mehr besorgt, aber meine lange Unterhose wurde nun eingeweiht und auch Sandra bereut die Investition in eine Strumpfhose vom Vortag nicht. Fernando fährt uns zunächst zum Mirador del Nordenskjold, von wo aus wir den Blick über gleichnamigen See genießen, und dann weiter zum Salto Grande. In der Nähe legt um 12 Uhr mittags unsere Fähre ab und wir überbrücken die Zeit bis dahin mit einer kleinen Wanderung zum Mirador Cuernos am Nordenskjold. Die Fähre fährt nur einmal täglich und wir erreichen sie mit ausreichend Zeitpolster. Die Fahrt über den Lago Pehoé dauert dreißig Minuten und führt uns zum Camp Paine Grande. Wir halten uns aber nicht lange dort auf, sondern starten zu einer weiteren Wanderung zum Campamento Italiano, um den Lago Sarmiento herum. An jeder Ecke würdigt einer unser angelsächsischen Begleiter, meistens Jenny, den neuen Ausblick mit einem „Oh, wow!“ und auch Sandra gewöhnt sich diese Begeisterung allmählich an. An den Anblick der kreisenden Kondore haben wir uns inzwischen gewöhnt. Die sind uns kein „Wow!“ mehr wert. Wir sind inzwischen eine wahre Rasselbande geworden. Jenny läuft grundsätzlich ihr eigenes Tempo, hält aber weiterhin tapfer mit. Für uns andere hat es immer wieder etwas von einem Wandertag. An jedem Gebirgssee, und ist er auch noch so klein, treten wir erneut zum Wettstreit an, wessen Stein öfter auf dem See hüpft und wer es als erster auf die andere Seite schafft. Auch heute legen wir etwa 18 km zurück, aber das Terrain ist weitaus einfacher als gestern. Irgendwie verleitet uns das automatisch zu einer Tempoverschärfung. Am Ende joggen wir eher, als dass wir wandern. Trotzdem erreichen wir das Camp erst kurz vor Einbruch der Dunkelheit. Für die Verpflegung sorgt hier die Camp-Crew und wir machen es uns im gut aufgeheizten Raum bei Bier und Wein und einem üppigen Abendmahl am Kamin gemütlich. Chad übernimmt heute die Rolle des Jennyzuhörers, wofür ihm unser ganzes Mitgefühl gilt. Amerikaner neigen ja im Allgemeinen schon zu Übertreibungen, aber Jenny ganz besonders. Wir hören nur, wie sie von ihrer Galapagosreise erzählt, von den Millionen von Seelöwen und den Iguanas, die direkt neben ihr geschwommen sind. Nun sind wir ja alle auch schon etwas unterwegs gewesen. Fiona hat zum Beispiel ein Volontariat auf den Galapagosinseln hinter sich. Daher wissen wir, dass die Population der Seelöwen dort etwa bei 50.000 liegt und das letzte, was ein Iguana tut, schwimmen ist, insbesondere in Jenny`s Nähe. Shirley erntet unsere fassungslosen Blicke, als sie uns erzählt, was Jenny beruflich macht. Sie ist Psychotherapeutin für Kinder. Ob die bei ihr zu Wort kommen? Wir gewinnen in der kommenden Nacht eine Stunde, denn hier werden die Uhren auf Winterzeit umgestellt. Nachdem in Deutschland inzwischen Sommerzeit eingekehrt ist, beträgt der Zeitunterschied nunmehr sechs Stunden. Ich stehe nach dem Zähneputzen vor unserem Zelt und leuchte mit meiner Stirnlampe in den Eingang, in dem Sandra noch sitzt. Da sehe ich, wie hinter ihrem Rücken eine Maus aus unserem Zelt kriecht. Marcella hatte uns vorgewarnt und wir haben extra unsere Lebensmittel zusammengetragen und in unserem Essensraum eingeschlossen. Aber Sandra hatte ihre Trockenfrüchte und Nüsse, unsere Energiespender während der Wanderungen, im Zelt vergessen. Möglicherweise hat das den Nager angelockt. Nachdem Sandra die Contenance wiedererlangt und ihre restlichen Lebensmittel weggeschlossen hat, schütteln wir noch einmal alles kräftig aus und versuchen, nicht mehr dran zu denken.

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