RIO DE JANEIRO: Rio erwacht langsam. Am Sonntag scheinbar gar nicht. Die meisten Geschäfte bleiben geschlossen. Nur die großen Supermärkte haben geöffnet. Ich hingegen bin um 6 Uhr am Strand der Copacabana zu einem halbstündigen Strandläufchen. Am Strand vermischen sich um diese Zeit Frühaufsteher mit Nachtschwärmern, Angler mit Jugendlichen bei ihrem Scheidebier, Jogger mit Partygängern, die den Weg ins Bett nicht mehr gefunden haben. Zurück im Hotel und gut gefrühstückt, machen wir uns auf den Weg nach Downtown, um die erträglich temperierten Morgenstunden zu nutzen. Mit der ungewöhnlich sauberen und gepflegten Metro fahren wir zunächst bis „Carioca“ und schlendern etwas durch die verwaiste Innenstadt. Wenn am Sonntag in den Bürotürmen nicht gearbeitet wird, sind hier nur Touristen und Obdachlose, die zuweilen dicht an dicht nebeneinander liegen. Glanz und Elend liegen in Rio so nahe beieinander wie sonst wahrscheinlich nirgends. Abgesehen von denen, die einfach nichts anzuziehen haben, zeigt man hier ohnehin gern, was man hat. Auch, wenn der Trainingserfolg, bei Frauen mitunter auch die Niederkunft, noch auf sich warten lässt. Bei einer futuristisch anmutenden, kegelförmigen Kirche neben der PETROBRAS-Zentrale befindet sich die Wendeschleife der historischen Straßenbahn. Wir fahren einmal die komplette Strecke ab und zurück. Eine andere Funktion, als Touristen zu bespaßen, hat die Bahn auch nicht mehr, denn sie wird kaum von Einheimischen genutzt und bietet beeindruckende Ausblicke auf die Stadt. Zumindest bergab dürfte man auch mit jedem Fahrrad schneller sein. Ganz vorn sitzen doch ein paar Einheimische und eine von ihnen hat ein Huhn auf dem Schoß, das ihr bei einem kurzen Zwischenhalt ausreißt und die Straße herunterläuft. Ein Junge schafft es nicht, es wieder einzufangen, da hält der Fahrer kurzerhand seine Bahn an und erledigt das höchstpersönlich. Mit Erfolg! Das Huhn ist wieder an Bord, der Fahrer auch, und die Fahrt kann weitergehen. Wir besichtigen im Vorbeigehen die historischen Gebäude der Innenstadt und verweilen kurz bei einem Oldtimertreffen auf der schattigen Plaza XV de Novembro und in der Candelariá Kirche. In der Avenida Presidente Vargas wähnen wir den Hauptbahnhof. Wir finden ihn aber nicht und wären, der Dehydrierung nahe, schon mit irgendeiner Metrostation zufrieden. Letztendlich entscheiden wir uns für einen Bus, von denen die meisten glücklicherweise durch Copacabana und somit nahe an unserem Hotel vorbei fahren. Ich erfrische mich mit einem Sprung in den Pool auf dem Dach unseres Hotels und wir entspannen ein wenig die geschundenen Füße. Den Abend verbringen wir geschlechterspezifisch getrennt. Während Sandra shoppen geht, fahre ich ins Maracana, das einst größte, heute noch siebtgrößte, Stadion der Welt, um mir das Erstligaspiel Flamengo gegen Vasco da Gama anzusehen. Das Stadion hatte ursprünglich angeblich 220.000 Menschen aufgenommen. Nach der Umrüstung auf Sitzplätze ist es mit heute 34.000 Zuschauern gerade einmal zu etwa einem Drittel gefüllt. Ich habe das Rundum-Sorglos-Paket gebucht. Busshuttle, Eintritt und Stadionführung für 100 Reais, also etwa 42 Euro. Ich versuche, mir das Geld beim Bus-Tippspiel zurück zu holen, zu dem unser eindeutig homosexuelle Reiseleiter France einlädt. Ohne einen blassen Schimmer, wo die beiden Teams im Moment stehen, ist mein Tipp 3:1 für Flamengo. Da dieser Tipp aber schon zweimal abgegeben wurde und mein Gewinn entsprechend geringer ausfallen würde, korrigiere ich auf 2:0. Kurz vor unserer Ankunft am Stadion öffnet der Himmel seine Schleusen. Wir verharren noch eine halbe Stunde im Bus in der Hoffnung auf Besserung, die jedoch ausbleibt. Auch France hat keinen Erfolg mit seinen Versuchen, einen Plastikponchoverkäufer zu einer Verkaufsveranstaltung in unserem Bus zu gewinnen. Um noch etwas von diesem Abend zu haben, entschließen wir uns schließlich zu einem Sprint unters Stadiondach, der nichts daran ändert, dass wir bis auf die Haut durchnässt werden. Feste Sitzplätze gibt es im Maracana traditionell nicht. Uns steht in unserer Ticketkategorie der gesamte Unterring offen, wobei die vorderen zwanzig Reihen nichts vom Dach abbekommen haben und somit heute nicht sehr gefragt sind. Die Ränge orientieren sich an brasilianischer Mannshöhe und ich muss achtgeben, mit meinem Kopf nicht an den Oberring zu stoßen. Das Spiel leidet unter den Platzverhältnissen sichtlich. Auch die aus Europa noch gut bekannten Flamengo-Stürmer Adriano und Vagner Love, die seit ihrer Rückkehr nach Brasilien nicht leichtfüßiger geworden sind, vermögen keinen Angriffswirbel zu entfachen. Da ist man als Berliner besseren Fußball gewöhnt. Einmal im Jahr zumindest. Beim Pokalfinale. Nach einer halben Stunde droht ein Elfmeter für Vasco meinen Refinanzierungsplan zu durchkreuzen, doch Flamengo-Torwart Bruno pariert heroisch. Der Elfmeter war in meinen Augen glasklar, was mein näheres, rot-schwarz gekleidetes, Umfeld anders sieht. Torlos geht es in die Pause und ich investiere einen Teil meines voraussichtlichen Gewinns in ein alkoholfreies Bier. Die Pause reicht gerade so, um das Stadion einmal zu umrunden und wieder in meiner ursprünglichen Kurve Platz zu nehmen. Ein schmeichelhafter Elfmeter, auch das sehen meine Sitznachbarn anders, und Adriano bringen Flamengo und mich auf die Siegerstraße. Der dritte Elfmeter dieses Spiels gibt Vasco die Chance zum Ausgleich und mir die Möglichkeit, mich durch abfälliges Kopfschütteln mit den Flamengofans zu versöhnen. Bruno hält erneut und mich damit im Spiel. Leider bleibt es jedoch bei dem müden 1:0 und die 150 Reais Gewinn gehen als Trinkgeld an France und unseren Busfahrer, da keiner der 18 Mitspieler auf dieses Ergebnis getippt hatte. Als ich im Hotel ankomme, ist Sandra noch wach und frustriert, da der Shoppingbummel frühzeitig an geschlossenen Geschäften gescheitert ist.
Sonntag, 14. März 2010
Der Held vom Maracana
RIO DE JANEIRO: Rio erwacht langsam. Am Sonntag scheinbar gar nicht. Die meisten Geschäfte bleiben geschlossen. Nur die großen Supermärkte haben geöffnet. Ich hingegen bin um 6 Uhr am Strand der Copacabana zu einem halbstündigen Strandläufchen. Am Strand vermischen sich um diese Zeit Frühaufsteher mit Nachtschwärmern, Angler mit Jugendlichen bei ihrem Scheidebier, Jogger mit Partygängern, die den Weg ins Bett nicht mehr gefunden haben. Zurück im Hotel und gut gefrühstückt, machen wir uns auf den Weg nach Downtown, um die erträglich temperierten Morgenstunden zu nutzen. Mit der ungewöhnlich sauberen und gepflegten Metro fahren wir zunächst bis „Carioca“ und schlendern etwas durch die verwaiste Innenstadt. Wenn am Sonntag in den Bürotürmen nicht gearbeitet wird, sind hier nur Touristen und Obdachlose, die zuweilen dicht an dicht nebeneinander liegen. Glanz und Elend liegen in Rio so nahe beieinander wie sonst wahrscheinlich nirgends. Abgesehen von denen, die einfach nichts anzuziehen haben, zeigt man hier ohnehin gern, was man hat. Auch, wenn der Trainingserfolg, bei Frauen mitunter auch die Niederkunft, noch auf sich warten lässt. Bei einer futuristisch anmutenden, kegelförmigen Kirche neben der PETROBRAS-Zentrale befindet sich die Wendeschleife der historischen Straßenbahn. Wir fahren einmal die komplette Strecke ab und zurück. Eine andere Funktion, als Touristen zu bespaßen, hat die Bahn auch nicht mehr, denn sie wird kaum von Einheimischen genutzt und bietet beeindruckende Ausblicke auf die Stadt. Zumindest bergab dürfte man auch mit jedem Fahrrad schneller sein. Ganz vorn sitzen doch ein paar Einheimische und eine von ihnen hat ein Huhn auf dem Schoß, das ihr bei einem kurzen Zwischenhalt ausreißt und die Straße herunterläuft. Ein Junge schafft es nicht, es wieder einzufangen, da hält der Fahrer kurzerhand seine Bahn an und erledigt das höchstpersönlich. Mit Erfolg! Das Huhn ist wieder an Bord, der Fahrer auch, und die Fahrt kann weitergehen. Wir besichtigen im Vorbeigehen die historischen Gebäude der Innenstadt und verweilen kurz bei einem Oldtimertreffen auf der schattigen Plaza XV de Novembro und in der Candelariá Kirche. In der Avenida Presidente Vargas wähnen wir den Hauptbahnhof. Wir finden ihn aber nicht und wären, der Dehydrierung nahe, schon mit irgendeiner Metrostation zufrieden. Letztendlich entscheiden wir uns für einen Bus, von denen die meisten glücklicherweise durch Copacabana und somit nahe an unserem Hotel vorbei fahren. Ich erfrische mich mit einem Sprung in den Pool auf dem Dach unseres Hotels und wir entspannen ein wenig die geschundenen Füße. Den Abend verbringen wir geschlechterspezifisch getrennt. Während Sandra shoppen geht, fahre ich ins Maracana, das einst größte, heute noch siebtgrößte, Stadion der Welt, um mir das Erstligaspiel Flamengo gegen Vasco da Gama anzusehen. Das Stadion hatte ursprünglich angeblich 220.000 Menschen aufgenommen. Nach der Umrüstung auf Sitzplätze ist es mit heute 34.000 Zuschauern gerade einmal zu etwa einem Drittel gefüllt. Ich habe das Rundum-Sorglos-Paket gebucht. Busshuttle, Eintritt und Stadionführung für 100 Reais, also etwa 42 Euro. Ich versuche, mir das Geld beim Bus-Tippspiel zurück zu holen, zu dem unser eindeutig homosexuelle Reiseleiter France einlädt. Ohne einen blassen Schimmer, wo die beiden Teams im Moment stehen, ist mein Tipp 3:1 für Flamengo. Da dieser Tipp aber schon zweimal abgegeben wurde und mein Gewinn entsprechend geringer ausfallen würde, korrigiere ich auf 2:0. Kurz vor unserer Ankunft am Stadion öffnet der Himmel seine Schleusen. Wir verharren noch eine halbe Stunde im Bus in der Hoffnung auf Besserung, die jedoch ausbleibt. Auch France hat keinen Erfolg mit seinen Versuchen, einen Plastikponchoverkäufer zu einer Verkaufsveranstaltung in unserem Bus zu gewinnen. Um noch etwas von diesem Abend zu haben, entschließen wir uns schließlich zu einem Sprint unters Stadiondach, der nichts daran ändert, dass wir bis auf die Haut durchnässt werden. Feste Sitzplätze gibt es im Maracana traditionell nicht. Uns steht in unserer Ticketkategorie der gesamte Unterring offen, wobei die vorderen zwanzig Reihen nichts vom Dach abbekommen haben und somit heute nicht sehr gefragt sind. Die Ränge orientieren sich an brasilianischer Mannshöhe und ich muss achtgeben, mit meinem Kopf nicht an den Oberring zu stoßen. Das Spiel leidet unter den Platzverhältnissen sichtlich. Auch die aus Europa noch gut bekannten Flamengo-Stürmer Adriano und Vagner Love, die seit ihrer Rückkehr nach Brasilien nicht leichtfüßiger geworden sind, vermögen keinen Angriffswirbel zu entfachen. Da ist man als Berliner besseren Fußball gewöhnt. Einmal im Jahr zumindest. Beim Pokalfinale. Nach einer halben Stunde droht ein Elfmeter für Vasco meinen Refinanzierungsplan zu durchkreuzen, doch Flamengo-Torwart Bruno pariert heroisch. Der Elfmeter war in meinen Augen glasklar, was mein näheres, rot-schwarz gekleidetes, Umfeld anders sieht. Torlos geht es in die Pause und ich investiere einen Teil meines voraussichtlichen Gewinns in ein alkoholfreies Bier. Die Pause reicht gerade so, um das Stadion einmal zu umrunden und wieder in meiner ursprünglichen Kurve Platz zu nehmen. Ein schmeichelhafter Elfmeter, auch das sehen meine Sitznachbarn anders, und Adriano bringen Flamengo und mich auf die Siegerstraße. Der dritte Elfmeter dieses Spiels gibt Vasco die Chance zum Ausgleich und mir die Möglichkeit, mich durch abfälliges Kopfschütteln mit den Flamengofans zu versöhnen. Bruno hält erneut und mich damit im Spiel. Leider bleibt es jedoch bei dem müden 1:0 und die 150 Reais Gewinn gehen als Trinkgeld an France und unseren Busfahrer, da keiner der 18 Mitspieler auf dieses Ergebnis getippt hatte. Als ich im Hotel ankomme, ist Sandra noch wach und frustriert, da der Shoppingbummel frühzeitig an geschlossenen Geschäften gescheitert ist.
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