Mittwoch, 17. März 2010

Verhinderter Gipfelsturm






RIO DE JANEIRO: Leichter Muskelkater von der Corcovadowanderung plagt mich am Morgen. Der Himmel hängt voller Wolken, die aber noch dicht halten. Also machen wir uns erst einmal im Bus auf den Weg nach Botafogo. Von dort laufen wir die Avenida Pasteur entlang an deren Ende sich die Seilbahnstation zum Morro da Urca befindet. Dieser Felsen ist die Zwischen- und Umsteigestation auf der Fahrt zum Zuckerhut. Man kann ihn angeblich auch zu Fuß erklimmen und dort in die Seilbahn einsteigen. Inzwischen hat Regen eingesetzt und wir beschließen, im Schutz der dichten Bewaldung auf den Morro da Urca zu klettern und dann zu entscheiden, ob es Sinn macht, heute auf den Zuckerhut weiter zu fahren. Gegen den Regen werfe ich mir meinen Plastikponcho über, der mir, wie ich finde, ausgezeichnet steht. Der Trilha Claudio Coutinho ist ein etwa 1200 m langer Wanderweg am Ufer, der bevorzugt von den Soldaten der benachbarten Kaserne als Laufstrecke genutzt wird. Links und rechts des Weges leben außerdem die possierlichen, faustgroßen Seidenäffchen, die aussehen wie eine Mischung aus Koala, Eichhörnchen und Affe. Der Gedanke an den Kreuzungsakt lässt mich nicht los. Nach etwa 350 Metern führt ein Weg nach links hoch in den Wald, der nach unserer Kenntnis auf dem Gipfel des Morro da Urco endet. Er ist feucht und schweißtreibend, aber sehr naturbelassen und bezwingbar. Der Muskelkater des Vortags wird allmählich vom neuen Muskelkater verdrängt. An einer Gabelung entscheiden wir uns instinktiv, nach rechts abzubiegen. Wie sich später herausstellen sollte, war diese Entscheidung falsch. Am Fuße des Zuckerhutes stellen wir fest, dass wir hier nicht ohne Kletterausrüstung weiterkommen und sie Sicht ohnehin nicht besser geworden ist. Wir kehren um und stellen beim Blick von unten fest, dass wir genau in der Mitte zwischen Morro da Urca und Zuckerhut standen und nach links hätten abbiegen müssen. Angesichts des Wetters vertagen wir uns dennoch auf morgen und nehmen den nächsten Bus Richtung Copacabana. Im Bus stellen wir amüsiert fest, dass die Behindertenplätze auch anderen gehandicapten Personen zur Verfügung stehen, explizit auch dicken Menschen. Als Belohnung für die Strapazen des Vormittags nehmen wir uns ein Grillhähnchen mit, welches wir auf dem Zimmer vertilgen. Mit trockenen Sachen mache ich mich noch einmal auf den Weg ins Internetcafé. Es tröpfelt mir auf den Kopf. Am schlechten Wetter hat sich also nichts geändert. Ab und zu tropft es uns hier auch bei gutem Wetter auf den Kopf. Wir sind uns aber einig, dass es sich dabei ausschließlich um Kondenswasser der unzähligen Klimaanlagen handeln kann. Nach der Live-Übertragung des Champions League-Spiels von Barcelona gegen Stuttgart und ein paar Happen zum Abendessen mache ich mich trotz Regens noch einmal auf den Weg zum Kunstmarkt, um etwas gegen den aufkommenden Frust zu tun und meinen Verhandlungsvorteil aufgrund des Wetters auszunutzen. Ich kann den Preis für ein handgemaltes Bild von fünfzig auf vierzig Reias drücken und investiere das eingesparte Geld in einen „Frozen Yoghurt“ mit Erdbeere, Mango und Pistazien. Völlig durchnässt komme ich ins Hotel zurück und gönne mir vor dem Schlafengehen noch eine warme Dusche.

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