LIMA: Die Nacht und der Morgen sagten mir, ich solle heute besser im Bett bleiben. Mein Magen hat mich mehrmals ins Bad geschickt und obwohl ich zur Beseitigung kleinerer gesundheitlicher Probleme gern meinem Körper vertraue, lege ich mir schonmal die Tabletten bereit. Der Straßenlärm lässt einen Schlaf ohnehin kaum zu und die Klimaanlage kühlt zwar das Zimmer auf deutsche Temperaturen runter, macht in der Lautstärke jedoch der Straße Konkurrenz. Anlässlich des Zähneputzens mache ich noch ein Glas kaputt und begebe mich voller Erwartung auf das, was der Tag noch so für mich bereithält zum Frühstück. Das muss sich hier nicht vor europäischen Häusern verstecken. Trotzdem flitze ich nochmal ins Bad bevor ich meine Reise ins Centro Historico plane. Ich bestelle mir ein Taxi an der Hotelrezeption. Zwar ist jedes zweite Auto in Lima ein Taxi und man muss eigentlich nur auf die Straße zu gehen, um eins zu finden, aber ich hoffe auf eine gute Empfehlung der schwangeren Rezeptionistin. Die Fahrt dauert fast so lange wie der Flughafentransfer, kostet mich aber nur ein Drittel davon, umgerechnet ca. 5 €. Die Vorfahrtregeln sind einfach. Wer zuerst hupt, hat Vorfahrt. Abgesehen davon hat die Hupe auch die Funktion, Fußgänger vom Zebrastreifen zu vertreiben, das demnächst zu erwartende Umspringen der Ampel auf Grün anzukündigen oder eine Bestellung bei einem der fliegenden Händler an den Kreuzungen aufzugeben, die Reisebedarf anbieten, wie Getränke, Wunderbäumchen, Wattestäbchen oder Fingernagelknipser. Die Hupe ist daher überlebenswichtig, während auf westlichen Schnickschnack, wie Blinker gern verzichtet wird. Die werden, wenn überhaupt, nur gleichzeitig eingesetzt, um den nachfolgenden Verkehr darauf hinzuweisen, dass man demnächst auf dieser Spur, gern auch der zweiten oder dritten, anhalten wird. Taxis und Busse blinken zuweilen auch ohne Grund. Könnte ja sein, dass sie demnächst halten müssen. Die Propagandisten der zahlreichen bunten Busse geben jedenfalls alles, indem sie an den Türen hängen und unentwegt den Leuten ihre Haltestellen zurufen. An den größten Kreuzungen sind Verkehrspolizisten zur Verkehrsregelung positioniert. Präsentiert wird diese von Inca Cola, was an den bunten Hochständen zu erkennen ist. Inca Cola ist ein Erfrischungsgetränk des Coca Cola-Konzerns, das weder in Farbe, noch im Geschmack an Cola erinnert. Der Einfluss des Westens ist an der Altstadt völlig vorbei gegangen. Kein Fast Food, kein Supermarkt. Leider fällt es mir auch schwer, ein Sockengeschäft zu finden, nachdem ich heute früh mehrere Paare planmäßig beerdigt habe. Ein entsprechendes Geschäft finde ich zwar, bekomme aber zur Antwort „Sorry, no Gringo Size!“ Werde mich in Miraflores nochmal umschauen. Da ist man doch sicher auf Schuhgröße 45 eingerichtet. Ich beginne meine Sightseeing-Tour auf der Plaza Mayor, um die sich der Präsidentenpalast, die Kathedrale und das Rathaus versammelt haben. Die Altstadt bietet ein anderes Bild als Miraflores. Prunkvolle Regierungsbauten, zweckmäßige Regierungsbauten und dazwischen andere Bauten mit liebevoll verzierten Holzerkern. Am Rio Rimac erhoffe ich mir ein Café oder ein schattiges Plätzchen zum verweilen, aber der Fluss ist ein braunes Rinnsal, umgeben von lärmenden Straßen. Von der Brücke Puente de Piedra habe ich dafür einen guten Blick auf einen Berg an dessen Fuß die einfache Bevölkerung ihre Behausungen errichtet hat. Über der Stadt kreisen Adler, keine Ahnung wonach sie suchen. Zurück an der Plaza Mayor verfolge ich die Exerzier- und Musizieraufführung der Präsidentengarde. Ein reich behangener Militär ruft der Garde etwas zu. Der Präsident ist es aber nicht, der da schreit. Den kenne ich ja schon aus Quito. Nach diesem Schauspiel winke ich mir ein Taxi an den Straßenrand, der mir die Fahrt für 10 Soles, der Hälfte der Hinfahrt, anbietet. Bei 2,50 € wage ich es nicht zu feilschen. Statt seiner Lizenz baumelt allerdings eine Silvester 2010-Spaßbrille am Rückspiegel und die Hupe ist fachmännisch mit Klebeband im Lenkrad befestigt. Nach kurzem Zwischenstopp im Hotel gehe ich noch einmal zu Vivanda, meinem Supermarkt, und erwerbe eine viertel Melone, eine Flasche Wasser, eine 410 ml Flasche Inca Cola auf die Hand und eine Flasche Chicha, einem Fruchtsaft aus Brombeere, Ananas, Limette und Zimt, mit deutlicher Brombeerdominanz. Gibt es hier überall und ist sehr erfrischend. Bei meinem nachmittäglichen E-Mail-Check nehme ich erfreut die 1,7 in der Englisch-Klausur zur Kenntnis. Fehlen nur noch VWL und Recht, aber ich hab ein gutes Gefühl. Auf GOL-TV, einem der vier Fußballsender laufen die Vorberichte auf den nächsten Bundesligaspieltag. Abends ziehe ich nochmal durch die Pizza Straße, die Partymeile Limas. Meine Sockenfahndung bleibt indes erfolglos. Meine Hoffnung ruhte auf Wong am Óvalo Gutiérrez, wo es eigentlich alles gibt. Ist aber offensichtlich auch so ein Alles-außer-Socken-Laden. Morgen fang ich an zu stricken.
Donnerstag, 11. Februar 2010
No Gringo Size
LIMA: Die Nacht und der Morgen sagten mir, ich solle heute besser im Bett bleiben. Mein Magen hat mich mehrmals ins Bad geschickt und obwohl ich zur Beseitigung kleinerer gesundheitlicher Probleme gern meinem Körper vertraue, lege ich mir schonmal die Tabletten bereit. Der Straßenlärm lässt einen Schlaf ohnehin kaum zu und die Klimaanlage kühlt zwar das Zimmer auf deutsche Temperaturen runter, macht in der Lautstärke jedoch der Straße Konkurrenz. Anlässlich des Zähneputzens mache ich noch ein Glas kaputt und begebe mich voller Erwartung auf das, was der Tag noch so für mich bereithält zum Frühstück. Das muss sich hier nicht vor europäischen Häusern verstecken. Trotzdem flitze ich nochmal ins Bad bevor ich meine Reise ins Centro Historico plane. Ich bestelle mir ein Taxi an der Hotelrezeption. Zwar ist jedes zweite Auto in Lima ein Taxi und man muss eigentlich nur auf die Straße zu gehen, um eins zu finden, aber ich hoffe auf eine gute Empfehlung der schwangeren Rezeptionistin. Die Fahrt dauert fast so lange wie der Flughafentransfer, kostet mich aber nur ein Drittel davon, umgerechnet ca. 5 €. Die Vorfahrtregeln sind einfach. Wer zuerst hupt, hat Vorfahrt. Abgesehen davon hat die Hupe auch die Funktion, Fußgänger vom Zebrastreifen zu vertreiben, das demnächst zu erwartende Umspringen der Ampel auf Grün anzukündigen oder eine Bestellung bei einem der fliegenden Händler an den Kreuzungen aufzugeben, die Reisebedarf anbieten, wie Getränke, Wunderbäumchen, Wattestäbchen oder Fingernagelknipser. Die Hupe ist daher überlebenswichtig, während auf westlichen Schnickschnack, wie Blinker gern verzichtet wird. Die werden, wenn überhaupt, nur gleichzeitig eingesetzt, um den nachfolgenden Verkehr darauf hinzuweisen, dass man demnächst auf dieser Spur, gern auch der zweiten oder dritten, anhalten wird. Taxis und Busse blinken zuweilen auch ohne Grund. Könnte ja sein, dass sie demnächst halten müssen. Die Propagandisten der zahlreichen bunten Busse geben jedenfalls alles, indem sie an den Türen hängen und unentwegt den Leuten ihre Haltestellen zurufen. An den größten Kreuzungen sind Verkehrspolizisten zur Verkehrsregelung positioniert. Präsentiert wird diese von Inca Cola, was an den bunten Hochständen zu erkennen ist. Inca Cola ist ein Erfrischungsgetränk des Coca Cola-Konzerns, das weder in Farbe, noch im Geschmack an Cola erinnert. Der Einfluss des Westens ist an der Altstadt völlig vorbei gegangen. Kein Fast Food, kein Supermarkt. Leider fällt es mir auch schwer, ein Sockengeschäft zu finden, nachdem ich heute früh mehrere Paare planmäßig beerdigt habe. Ein entsprechendes Geschäft finde ich zwar, bekomme aber zur Antwort „Sorry, no Gringo Size!“ Werde mich in Miraflores nochmal umschauen. Da ist man doch sicher auf Schuhgröße 45 eingerichtet. Ich beginne meine Sightseeing-Tour auf der Plaza Mayor, um die sich der Präsidentenpalast, die Kathedrale und das Rathaus versammelt haben. Die Altstadt bietet ein anderes Bild als Miraflores. Prunkvolle Regierungsbauten, zweckmäßige Regierungsbauten und dazwischen andere Bauten mit liebevoll verzierten Holzerkern. Am Rio Rimac erhoffe ich mir ein Café oder ein schattiges Plätzchen zum verweilen, aber der Fluss ist ein braunes Rinnsal, umgeben von lärmenden Straßen. Von der Brücke Puente de Piedra habe ich dafür einen guten Blick auf einen Berg an dessen Fuß die einfache Bevölkerung ihre Behausungen errichtet hat. Über der Stadt kreisen Adler, keine Ahnung wonach sie suchen. Zurück an der Plaza Mayor verfolge ich die Exerzier- und Musizieraufführung der Präsidentengarde. Ein reich behangener Militär ruft der Garde etwas zu. Der Präsident ist es aber nicht, der da schreit. Den kenne ich ja schon aus Quito. Nach diesem Schauspiel winke ich mir ein Taxi an den Straßenrand, der mir die Fahrt für 10 Soles, der Hälfte der Hinfahrt, anbietet. Bei 2,50 € wage ich es nicht zu feilschen. Statt seiner Lizenz baumelt allerdings eine Silvester 2010-Spaßbrille am Rückspiegel und die Hupe ist fachmännisch mit Klebeband im Lenkrad befestigt. Nach kurzem Zwischenstopp im Hotel gehe ich noch einmal zu Vivanda, meinem Supermarkt, und erwerbe eine viertel Melone, eine Flasche Wasser, eine 410 ml Flasche Inca Cola auf die Hand und eine Flasche Chicha, einem Fruchtsaft aus Brombeere, Ananas, Limette und Zimt, mit deutlicher Brombeerdominanz. Gibt es hier überall und ist sehr erfrischend. Bei meinem nachmittäglichen E-Mail-Check nehme ich erfreut die 1,7 in der Englisch-Klausur zur Kenntnis. Fehlen nur noch VWL und Recht, aber ich hab ein gutes Gefühl. Auf GOL-TV, einem der vier Fußballsender laufen die Vorberichte auf den nächsten Bundesligaspieltag. Abends ziehe ich nochmal durch die Pizza Straße, die Partymeile Limas. Meine Sockenfahndung bleibt indes erfolglos. Meine Hoffnung ruhte auf Wong am Óvalo Gutiérrez, wo es eigentlich alles gibt. Ist aber offensichtlich auch so ein Alles-außer-Socken-Laden. Morgen fang ich an zu stricken.
Abonnieren
Kommentare zum Post (Atom)
...was ist an diesem Socken-Beerdigungsritual in Lima dran? So eine Art Opfergabe für den Käsefußgott?
AntwortenLöschen... ich muss nochmal auf das Eier-Experiment am Äquator zurück kommen. Ich versteh' es nicht!
AntwortenLöschen@ Sven: Mit meinen getragenen Socken vertreibe ich böse Geister. Gute allerdings auch. Tatsächlich hatte ich mir einfach ein paar uralte und zerlöcherte Socken mitgenommen, um sie noch einmal zu tragen, dann zu entsorgen und mir neue zu kaufen, da sie hier günstiger sind.
AntwortenLöschen@ Madeleine: Schlag mal einen Nagel in Omas Esstisch. Nur so dass er hält, nicht bis zum Anschlag und versuche dann, ein rohes Ei so darauf zu stellen, dass es stehen bleibt. Es dürfte Dir kaum gelingen. Direkt auf der Äquatorlinie fällt das viel leichter, als auch nur ein Meter daneben, da die Fliehkräfte senkrecht von der Erde weg verlaufen, während sie ansonsten einen Links- bzw. Rechtsdrall haben. Und ein Wasserstrudel bildet sich auf dem Äquator nicht, es rauscht gerade raus. Bei Euch läuft der Strudel immer im Uhrzeigersinn, bei mir z.Zt. immer entgegen der Uhr. KNOFF-HOFF
No Gringo Size, das ist sowas von gut. Ein tolles Blog. Echt spannend :-)
AntwortenLöschen